Ich-kann-aber-nicht-malen trifft Ausdrucksmalen

Bilder trocknen in der Sonne

„Ich kann aber nicht malen…“ ist einer der Sätze, den ich sehr oft im Atelier zu hören bekomme. Ich versuche dann vorsichtig nachzufragen, woher dieser Gedanke kommt und wow, ich bekomme teilweise dramatische Geschichten, die sich zwischen der Bewertung in der Schule und dem, wie etwas zu sein hat, abspielen. 

Oft wird es dann für die-/denjenigen zu einer Herausforderung, sich auf die Farben und das Papier einzulassen. Gemeinsam haben wir es bisher immer geschafft, auch wenn es echt nicht einfach war. Ich habe dazu noch keine pauschale Lösung gefunden. Die Hemmungen, Ängste, Glaubenssätze, etc. sind so individuell, wie der Mensch selbst.

Das einzige, was ich jedes Mal sage, ist, dass sie/er damit nicht allein ist und dass nichts Schlimmes passiert, wenn sie/er es einfach mal versucht. 

Die großen Meister und die eigene Erwartungshaltung

Klar gibt Unterschiede – die einen können so richtig malen z.B. Picasso, van Gogh, Rembrandt, Gerhard Richter, Frieda Kahlo, etc. und zwar ganz professionell! Und die anderen (also die meisten von uns) können SO nicht malen. Das ist Fakt!

Die Asiaten sagen, wer malen kann, kann schreiben. Das ist in unseren Breitengraden aber gar nicht unser Anspruch. Kalligrafie finden wir auf schönen Geburtstagskarten und Urkunden, aber nicht im Alltagsgebrauch. Diesen Vergleich würden wir niemals anstreben. Super ist, wenn man selbst und auch andere die eigene Handschrift lesen können und wenn man in der Schule die Klassenarbeit wegen Unlesbarkeit nicht nochmal abschreiben muss (ist mir einmal – aber nur einmal! – passiert). Wahrscheinlich passt der Vergleich von Malen und Schreiben aus handwerklicher Sicht auch nicht ganz 100%ig. 

Dann gehen wir mal zum Inhalt: Nur, weil ich gerade Harry Potter oder Goethe lese und bewundere, würde ich niemals sagen, dass ich nicht schreiben könne. Ich kann definitiv nicht so schreiben wie unsere großen Literaten. Trotzdem sitze ich hier und versuche, so gut es geht, meine Gedanken in leicht und flüssig lesbare Sätze zu packen und etwas rüberzubringen. Es ist nicht mein Anspruch, mehr zu wollen. Wenn die Lehrer in der Schule bei uns Schülern  den Ausdruck bemängelten, konnten wir mehr Gleichgültigkeit zu Tage legen. Wen juckte das schon, wenn man sich nicht so ausdrücken konnte, wie es der Lehrer forderte.

Warum ist es dann beim Malen anders? 

Einerseits vermute ich hier eine Verzerrung im Selbst-Fremd-Kontinuum und andererseits scheint auch die Erwartungshaltung an eine:n selbst enorm zu sein.

Woher kommt beim Malen dieser Perfektionismus und diese Erwartung, dass etwas „schön“ sein muss?

Woher kommt diese Wahrnehmung? Es wird anders gelesen als geschaut. Ein visueller Eindruck wirkt viel stärker als ein verbaler/geschriebener. Wenn ich ein Bild sehe, bin ich viel schneller dabei, es zu analysieren und zu interpretieren, als wenn ich einen Text lese. Es kommt selten vor, dass ich in einem Text anfange, nach Ausgewogenheit, Ästhetik, Form, Ausdruck, etc. zu suchen und mir Gedanken über einzelne Wörter und Synonyme mache. 

Betrachte ich dagegen ein Bild, passiert sofort ganz viel. Was ist auf dem Bild? Wie sind Formen, Farben, Richtungen, Objekte, Inhalte angeordnet? Spricht es mich an? Gefällt es mir? Ich bin viel schneller beim Bewerten. Es ist definitiv einfach. Zu einem Bild kann jeder etwas sagen – vor allem auch ungefragt.

Bilder sind für mich ein sehr persönlicher Ausdruck

Bilder sagen mehr als 1000 Worte, und das stimmt definitiv. Bilder bringen mich als Betrachter mit einem Blick dazu, in Resonanz zu gehen. Ich fange an, etwas zu fühlen oder zu denken und Verknüpfungen herzustellen. Bilder gehen schnell viel tiefer als Worte. 
Auch Worte über Bilder gehen schnell viel tiefer, weil jedes Bild ein sehr persönlicher Selbstausdruck ist.

Hier fällt mir der Vergleich zwischen dem Singen und Sprechen ein. Ich kann sprechen, aber nicht unbedingt so singen, dass es andere toll finden. Da ich mich beim Singen aber sehr persönlich und verletzlich zeige und auch ein Stück weit nackig mache, treffen mich Kritik und Bewertung viel mehr.

Leider ist das der-/demjenigen, der so gerne etwas zu dem Bild sagen möchte, meist nicht bewusst. An der Stelle kommt mir auch immer die Frage hoch, um wen es bei der Bildbetrachtung eigentlich geht. Um den Betrachter, der sich ausdrücken und zeigen möchte, wie er etwas sieht (um sich selbst zu zeigen und zu sehen) oder um das Bild oder um die/den Erschaffer:in des Bildes.

Das ist übrigens einer der Gründe, warum ich Kritikern jeder Art sehr skeptisch gegenüber eingestellt bin und ihr Verhalten oft auch für arrogant halte. Es ist soooo einfach und unpersönlich, etwas zu kritisieren und Verbesserungsvorschläge zu machen. Viel schwerer und authentischer ist es, selbst etwas zu erschaffen und zu gestalten. 

Wenn wir unter dem Gesichtspunkt die Perspektive vom Betrachter zum/r Erschaffer:in des Bildes wechseln, ist diese:r der Bewertung der anderen gnadenlos ausgesetzt. Sie/er kann in diesem Moment nur noch den „Shitstorm“ (sorry für die harte Ausdrucksweise) über sich ergehen lassen und die Schilde hochfahren, dass es sie/ihn nicht zu sehr persönlich trifft. 

Die Angst vor der Bewertung

Jetzt wird auch klar, dass der Satz „Ich kann aber nicht malen“ einen Schutzmechanismus darstellen kann. Vor allem in der Schule waren wir der Bewertung wirklich ausgeliefert und wurden oft hart getroffen. Wenn dann noch die Komponente des Erziehens mit dazu kam, hatten wir eigentlich schon verloren. 

Als Menschen wollen wir dazugehören, wir wollen anerkannt, respektiert und wertgeschätzt werden. Der erste Versuch ist also, dass wir versuchen, es gut zu machen und zu gefallen – zumindest es so gut zu machen, um nicht aufzufallen. Manchmal klappt’s – oft bleibt eine Verletzung.

Leider haben die meisten von uns nicht die eigene innere Freiheit, das Selbstbewusstsein und die Stärke von  Pippi Langstrumpf, die so in etwa sagt: „Cool, das hab ich noch nie gemacht, also muss es ja gut werden …“  

Ausdrucksmalen lädt dazu ein, die eigene Welt zu gestalten

wie sie mir gefällt, um bei Pippi zu bleiben. 
Ausdrucksmalen geht weg von der Bewertung, dem Perfektionismus, der Gefallsucht, der hohen Messlatte …
Ausdrucksmalen lädt Dich zum Spielen mit der Farbe ein. UND ich habe noch nie jemand sagen hören: „Ich kann aber nicht spielen…“

Hauptsache bunt und Spass dabei
Hauptsache bunt und Spass dabei


Ich bin ganz verliebt ins Ausdrucksmalen, und es ist jedes Mal eine magische Zeit, wenn ich die Menschen in meinem Atelier beim Malen begleiten darf. Wenn jede:r sich dem Malprozess hingibt, loslässt, auf sich selbst vertraut und ganz im Flow ist.

Manchmal wird es beim Ausdrucksmalen ganz schön wild, und die Farbe fliegt durch die Gegend. GEZIELT allerdings! Denn wer die Decke verkleckert, bleibt zum Streichen und Aufräumen da.  Bisher hat die Ansage immer gereicht, und die Farbe ist wirklich auf dem Papier gelandet.
Es tut einfach gut, wenn man sich mal so richtig austoben und das rauslassen kann, was sonst keinen Platz findet.

Wilder Farbklecks
Wilder Farbklecks

Während ich beim Acryl- und Eitemperamalen auf jeden Fall mehr auf Sauberkeit und klare Farbtrennung auf der Palette achte, liebe ich es, im Ausdrucksmalen mit den Gouachfarben, den Pinsel richtig einzubunten! Der Regenbogen, der auf dem Blatt entsteht, kann ich dann voller Freude verfolgen. JA, das ist ok! Einfach ganz herrlich und frei!

Regenbogen am Pinsel
Regenbogen am Pinsel

Ich werde oft ganz demütig und bin total fasziniert, wenn ich anderen beim Malen zuschauen kann. Dann warte ich auf den richtigen Moment, um als Begleiterin zu fragen, wie es der/dem Malenden geht und wie der Malprozess voran kommt. Wenn wir dann gemeinsam über das Bild sprechen, tut sich oft ein wunderbarer Raum der Empathie und Verbundenheit auf. Es zeigen sich Dinge, die von so uraltem und universellen Wissen zeugen, dass man einfach nur vor dem Bild stehen und stauen kann.

Beim Malen
Beim Malen

Es ist auch sehr spannend, gemeinsam ein Bild zu malen, und es bietet ein großes Potential. Im Setting des Ausdrucksmalens verwende ich diese Form nur, wenn zwei Personen von sich aus gemeinsam ein Bild malen möchten. Dabei erläutere ich vorab, was generell im Malprozess passieren könnte. Es können Bedürfnisse und Befindlichkeiten entdeckt und wertschätzend miteinander angeschaut werden. Diese Art zu malen schafft Verbindung und Klarheit.

Wenn die Bilder draussen in der Sonne trocknen können, fühle ich mich manchmal wie in einer Ausstellung und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. So schön!

Ich bin immer wieder ganz hin und weg, was im Ausdrucksmalen alles entstehen kann und dass weder Alter noch sonst etwas eine Rolle spielt.

Bilder trocknen in der Sonne
Bilder trocknen in der Sonne

Der Sommer lacht und die Farben wollen aufs Papier. 

Hast Du Lust, das Ausdrucksmalen auszuprobieren?

Am Samstag, 17.06.21, 11-13 Uhr findet wieder Ausdrucksmalen im Atelier statt. Wenn Du Lust dazu hast, dann melde Dich bitte bis Mittwoch, 14.06.21 per Mail an.

Wenn Du das Ausdrucksmalen fortlaufend wöchentlich in einer Gruppe erleben möchtest, lade ich Dich herzlich zum Ausdrucksmalen am Dienstag, 18:30-20:30 Uhr ein. Wir starten nach der Sommerpause am 07.09.21 in die neue Malsaison.

Ich freue mich, wenn wir uns beim Ausdrucksmalen begegnen.

Wenn Du noch mehr darüber lesen magst, warum ich Ausdrucksmalen so liebe, dann ist dieser Artikel vielleicht etwas für Dich.

Bunte Grüße
Yvonne