Als die Meerjungfrau ihre Flügel bekam

Sie saß auf einem Felsen in der Brandung und atmete das warme Sonnenlicht ein. Der angenehm kühle Morgenwind strich um ihre Flügel, und die Sonne tauchte ihr Gesicht und ihre Haare in leuchtendes Gold.
Trotz dieses wunderbaren Morgens fühlte sich einsam. Sie dachte über sich nach – ihre Rollen, Erfahrungen und Geschichten und darüber, was aus ihr im Laufe der Zeit gemacht worden war.

Meerengel, Acryl auf Leinwand, 100×80 cm, 2019

Die Tragik ihrer Figur ging auf die Wahrnehmung verschreckter irischer Mönche zurück, die sie verteufelten. Sie hatten ihre Angst in Stein gemeißelt und mit starken und bedrohlichen Worten in die Köpfe der Menschen gebrannt. Im Laufe der Zeit schufen die Angst und die Tabus einen weiblichen Dämon, der Seeleute verführte und ums Leben brachte.

Meerjungfrau, Acryl auf Leinwand, 100×80 cm, 2019

Sie ärgerte sich, da sie es besser hätte wissen müssen. Aber sie hatte sich dazu entschieden, sich den Menschen so früh zu zeigen, obwohl diese noch nicht so weit waren. Das Risiko hatte sie eingehen müssen, da die Situation zu bedrohlich wurde. Die Angst und die Gier nach Macht und Kontrolle waren so groß geworden, dass eine bewusste Weiterentwicklung des Menschen nicht mehr möglich zu sein schien.
Und so war es war notwendig geworden, den Menschen zu zeigen, dass es im Leben noch mehr als Macht und Geld gab, bevor noch mehr unschuldige Menschen auf den Scheiterhaufen verbrannten.

Diese Einsicht reichte ihr, um sich mit wallendem Haar und einer erotischen Ausstrahlung denen zu zeigen, welche die Schlüsselrolle in diesem Schlamassel einnahmen. Und glücklicherweise kamen neben dem Seemannsgarn betrogener, ersoffener Seemänner auch Geschichten von Schönheit, Seelentiefe, Freiheit und Sehnsucht bei den Menschen an.
Das war der Schlüssel zum Tor, den sie brauchte, um in Kontakt mit den Menschen zu treten.
Und so konnte sie getrost vorübergehend ihren Platz in den Märchen finden, denn sie wusste um die Macht der Märchen und dass sie darüber direkt mit den Seelen in Kontakt kommen konnte.
Sie musste nur noch etwas Geduld haben. Aber solange die Sonne so schien und das Meer ihr diese Fülle gab, wartete sie gern, denn jetzt spielte die Zeit für sie keine Rolle mehr.

Schlafende Meerjungfrau, 100×80 cm, Acryl auf Leinwand, 2019

Und heute, genau dieser Morgen schien anders zu sein. Es lag Veränderung in der Luft. Das Alte Wissen aus Atlantis hatte entschieden, sich zu zeigen und breitete sich langsam über die Welt aus.

Immer mehr Menschen hörten den Ruf der Meerjungfrau, erinnerten sich und waren fasziniert. Es entstand eine Ahnung, dass hinter der Gestalt der ungehorsamen, heimatfremden Prinzessin, die ihre Stimme verkaufte und Qualen bei jedem Schritt litt, um die Liebe eines Prinzens zu erlangen, mehr steckte.
Als Meerjungfrau war sie gekommen, um den Menschen, ihre tief versunkenen Seelenpotentiale zu zeigen. Sie konnte in die tiefen Ozeane der Seele abtauchen und Schätze bergen und die Kräfte wecken, die es jetzt zum Wohle der Welt und aller so dringend brauchte.
Sie war eine Begleiterin auf Seelenreisen und konnte die Menschen unterstützen, Schatten in sich aufzulösen, Unbewusstes sichtbar zu machen und eine neue Lebenswahrnehmung zu entwickeln.
Dazu brauchte sie aber die Sehnsucht, die Gefühle und die Intuition der Menschen, denn nur so konnte sie sie auf der Reise in die Seele begleiten. 

Und sie spürte, dass die Öffnung dieses Tores kurz bevorstand. Die Menschen wurden bewusster, sie spürten die Verbindung zu allen anderen Lebewesen, erkannten die Kraft der Elemente und sahen ihre Verantwortung zum Wohle aller. Leider waren sie für die Umsetzung noch nicht stark genug. Die Schaffenskraft schlummerte schon zu lange in den Menschen und hatte sich gut hinter Egoismus und Arroganz versteckt. Dabei wurde sie gerade so dringend gebraucht, um die Ganzheit zu unterstützen und die Verbindung zwischen allen zu stärken. Und genau an dieser Stelle konnte die Meerjungfrau helfen. Sie war bereit, die Menschen zu unterstützen, sich mit ihrer inneren Kraft zu verbinden und ihre Potentiale zum Wohle aller zu entfalten. 

Und da jetzt doch eine gewisse Eile angesagt war, weil die Ganzheit außer Balance geraten war, hatte ihr das Alte Wissen zu Flügeln verholfen. So konnte sie noch schneller in der Seelenlandschaft unterwegs sein.
Sie lächelte und freute über dieses wunderbare Geschenk. Denn so frei hatte sie sich noch nie gefühlt.
Sie breitete ihren Schwingen aus, erhob sich Richtung Sonne und war bereit, dem Ruf des Menschen zu folgen, der sich auf die Reise in die Tiefe machen wollte, um bei sich selbst anzukommen.